Wissenschaft ist keine Meinung – Zur Delegitimierung von Migrationsforschung
Migrationsforschung belegt zumeist politische Forderungen, die tendenziell aus dem politisch linken Spektrum kommen. Wer sich mit den Ergebnissen von Migrationsforschung befasst, wird dies bereits beobachtet haben. Diese Beobachtung nehmen Konservative und Rechte, sowohl in Politik und Medien, aber auch in der Wissenschaft, immer wieder zum Anlass, die Migrationsforschung als ideologisch durchtränkt, agendagesteuert oder, wie der amerikanische Migrationsforscher Alexander Kustov zuletzt in einer Kritik an seiner eigenen Zunft in der FAZ, als „hochgeistige immigrationsfreundliche Desinformation” zu brandmarken.
Im Zentrum der Kritik stehen dabei wahlweise Forschungsergebnisse, Methodik, Forschungsgegenstand oder das Framing der Ergebnisse. Kritik ist in der Wissenschaft nicht nur legitim, sondern dringend notwendig. Denn die grundgesetzlich verankerte Wissenschaftsfreiheit (Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG) ist eben nicht mit der ebenso verfassungsrechtlich garantierten Meinungsfreiheit (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG) zu verwechseln: An die Wissenschaft werden qualitative Mindeststandards angelegt.
Eine pauschale Darstellung der Migrationsforschung als ideologisch belässt es nicht dabei, die Forschung als solche zu kritisieren, sondern unterstellt, Migrationsforschung erwecke nur den Anschein wissenschaftlicher Rationalität, um eine politische Agenda zu verfolgen. Damit wird die Zugehörigkeit zum grundgesetzlich geschützten Wissenschaftsbegriff selbst in Frage gestellt.
Wissenschaft erhebt keinen Anspruch auf absolute Wahrheit, sondern auf vorläufige Richtigkeit, denn nach Karl Popper kann nichts endgültig verifiziert, sondern nur falsifiziert werden. Gleichzeitig muss sie im Sinne der Transparenz methodischen Standards gerecht werden. Dadurch ist Kritik notwendig, wenn diese Standards nicht erfüllt sind. Die Wissenschaft ist eben nicht einfach nur eine akademische Redefreiheit.
Wenn jedoch diese methodischen Mindeststandards erfüllt sind, gibt es keine Grundlage für Kritik an den Ergebnissen, die durch diese Forschung gewonnen werden. Legitim wäre eine methodisch einwandfreie Forschung mit anderen Ergebnissen dagegenzusetzen oder die Ergebnisse begründet anders zu interpretieren. Wissenschaft hat keinen Anspruch auf absolute Wahrheit, doch ist sie das, was der Wahrheit zum jeweiligen Zeitpunkt am nächsten kommt.
Alle, die in den Sozialwissenschaften einen Anspruch auf absolute Wahrheit erheben, entlarven ihre Auffassung als unwissenschaftlich und als Anhänger:innen eines Mythos, der zumindest in den Sozialwissenschaften bereits in den 1960er Jahren von Menschen wie Theodor Adorno oder Jürgen Habermas infrage gestellt wurde: die Objektivität von Wissenschaft. Dieses Wissenschaftsverständnis funktioniert in den Sozialwissenschaften schlicht nicht und führt eben zu jenem unkritischen Trugschluss der absoluten Wahrheit.
Die Migrationsforschung versucht, dieser Falle durch reflexive Ansätze entgegenzuwirken, also sich selbst als Forschende im Prozess dauerhaft zu hinterfragen sowie die eigenen Voreingenommenheiten einzubeziehen und transparent zu machen. Denn selbstverständlich sind auch Forschende Menschen, deren Blick und Wahrnehmung durch diverse Faktoren geprägt sind.
Wenn also trotz dieser Vorkehrungen und trotz kritischem Blick von innen und außen diverse Disziplinen wie Geschichts-, Politik-, Sozial-, Rechts-, Wirtschafts-, Sprach-, Religions- und Erziehungswissenschaften ebenso wie Psychologie und Geografie, die alle an der Migrationsforschung mitwirken, mit ihren verschiedenen Methodiken und Denkschulen zu ähnlichen Ergebnissen in ihrer Forschung kommen, sind wir der Wahrheit so nah, wie wir es nach den aktuellsten Erkenntnissen sein können. Das bedeutet nicht, dass nicht zu einem späteren Zeitpunkt andere Ergebnisse durch Forschung erzielt werden. Eine Politik, die jedoch diese Erkenntnisse von vornherein negiert und delegitimiert, und dies ganz ohne wissenschaftlich fundierte Erkenntnis, kann wohl getrost als ideologisch getrieben bezeichnet werden, im Fall der Migrationsforschung auch als rassistisch.
Wenn das Framing der Erkenntnisse aus der Migrationsforschung kritisiert wird, muss hier zunächst differenziert werden: Ist wirklich die Migrationsforschung schuld an einer Verzerrung in der Darstellung von Ergebnissen, an Verkürzung und Entkontextualisierung, oder nicht doch eher Medien und Politik, die diese Erkenntnisse aufgreifen? Selbstverständlich können auch Forschende für ein Framing sorgen, doch ist auch das Teil wissenschaftlicher Praxis und muss sich an den gleichen Maßstäben von Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Kritik messen lassen. Wo diese Standards eingehalten werden, handelt es sich nicht um ideologische Verzerrung, sondern um begründete Interpretation.
Die pauschale Kritik an der Migrationsforschung verfehlt oft, worum es in Wissenschaft eigentlich geht: Sie ist kein politisches Instrument, sondern ein systematischer Prozess, um Erkenntnisse zu gewinnen. Dabei ist Kritik ausdrücklich erwünscht – sie sollte sich aber ebenfalls an wissenschaftlichen Kriterien orientieren. Wer Forschung nur aufgrund der daraus ableitbaren Forderungen an die Politik ablehnt, verlässt diese Grundlage und ersetzt eine sachliche Auseinandersetzung durch rein politische Argumente. Gerade in einem politisch aufgeladenen Feld wie Migration ist es jedoch entscheidend, zwischen wissenschaftlicher Analyse und politischer Bewertung zu unterscheiden. Die Aufgabe der Wissenschaft ist es nicht, politische Programme zu liefern, sondern empirisch fundierte Einsichten bereitzustellen. Eine informierte Debatte setzt voraus, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht vorschnell als ideologisch diskreditiert, sondern als das behandelt werden, was sie sind: der aktuell bestmögliche, kritisch geprüfte Stand unseres Wissens. Wenn dieser nur von der politischen Linken aufgegriffen wird, ist dies nicht der Migrationsforschung anzulasten, sondern der Politik.